Ostritz – ein Lehrstück

„Ostritz“ ist in den letzten Wochen und Monaten zu einer Chiffre geworden – für das „Schild und Schwert Festival“, das „Friedensfest“ auf dem Marktplatz und die Veranstaltung unter dem Motto „Rechts rockt nicht“ auf der Lederwerkswiese – vor allem aber für ein Aprilwochenende, an dem viele Augen auf der Oberlausitzer Provinz ruhen und sehr genau beobachten würden, wie die lokale Bevölkerung sich angesichts dieser Gemengelage verhält.

Es hat sich gezeigt: Viele Menschen aus Ostritz und der Region haben nicht nur großen Mut, sondern auch starke Nerven bewiesen. Das Ringen um die „richtige“ Form des Widerstandes hat seit Januar nicht wenige Debatten dominiert. Dennoch haben die verschiedensten zivilgesellschaftlichen Akteure das Bestmögliche daraus gemacht, haben Argumente und Standpunkte ausgetauscht und alle Meinungen angehört. Dieser Prozess gegenseitigen Respekts und Dialogs hat es möglich gemacht, dass Ostritz an diesem Wochenende nicht menschenverachtenden Rassisten überlassen wurde. Alle Veranstaltungen haben auf ihre Weise deutlich gemacht, dass Friedfertigkeit, Menschenwürde und die Toleranz gesellschaftlicher Vielfalt hohe Güter sind, für die es sich einzustehen lohnt.

Mit Sicherheit waren die beiden Gegenveranstaltungen unterschiedlich stark von politischen Standpunkten geprägt. Aber auch die Ostritzer Organisatorinnen konnten ihre anfangs skeptischen und vermeintlich „unpolitischen“ Mitbürger davon überzeugen: Eine klare Haltung gegen neonazistische Ideologie ist notwendig! Immer und überall, aber erst recht, wenn führende Köpfe der Szene im eigenen Ort die verfassungsmäßige Versammlungsfreiheit ausnutzen, um Geld für rechte Strukturen zu sammeln! Die Botschaft, die von „Rechts rockt nicht“ und Friedensfest gesendet wurde, war eine politische. Denn was bedeutet Demokratie, wenn nicht, darüber mitzubestimmen, wie die Gesellschaft aussehen soll, in der wir leben?

Keine Frage, Raum für Verbesserungen gibt es immer – vor allem wenn es darum geht, zusätzlich zu den ganzen logistischen und bürokratischen Mammutaufgaben so viele verschiedene Meinungen und Vorstellungen unter einen Hut zu bringen. Absprachen untereinander sowie die Kommunikation mit den Sicherheitsdiensten brauchen Erfahrung und die Bereitschaft, dazuzulernen.

Wir denken: Wir alle haben in jeder Hinsicht reichlich dazugelernt.
Mit Blick auf weitere angekündigte rechte Veranstaltungen in Ostritz sollten wir die erarbeitete und in den letzten Monaten gewachsene Zusammenarbeit nicht aufgeben. Wir sollten unseren Protest nicht aufgeben! Für die Stärkung der zukünftigen Kooperation aller Beteiligten wünschen wir uns eine ausführliche Nachbereitung und Auswertung der vergangenen Tage – sowohl zwischen einzelnen Akteuren der Zivilgesellschaft, als auch in Bezug auf die beteiligten Sicherheitskräfte.

Denn: Der Erfolg dieses Wochenendes besteht nicht nur in der Durchführung einzelner Programmpunkte und der Tatsache, dass das „Schild und Schwert Festival“ nicht ungestört stattfinden konnte. Der Erfolg dieses Aprilwochenendes besteht vor allem in dem Bild eines widerstandsfähigen Ostritz, in der Haltung seiner EinwohnerInnen und Mitmenschen aus der Region, in seiner Fähigkeit, Zweifler und Skeptikerinnen zu überzeugen und in der Nutzung dieses Momentes für eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes.

Danke an alle, die dabei waren!

P.S.: Aus Transparenzgründen möchten wir auf unsere subjektive Perspektive aufmerksam machen und darauf hinweisen, dass wir als VIELFALTER stärker in die Vorbereitung und Durchführung des Friedensfestes eingebunden waren. Diese Reflexion des eigenen Standpunktes würden wir uns auch von anderen Akteuren und konstruktiven KritikerInnen wünschen 😉